Auf Augenhöhe mit dem Publikum

Interview mit den Editoren Leopold Grün und Dirk Uhlig – Gewinner des Bild-Kunst Schnitt Preis Dokumentarfilm 2014 für Am Ende der Milchstraße (Regie: Leopold Grün und Dirk Uhlig)

Kyra Scheurer: Ihr seid die Editoren, aber auch die Filmemacher von Am Ende der Milchstraße – wie wichtig ist für Euch die Würdigung speziell Eurer Montageleistung durch den Bild-Kunst Schnitt Preis Dokumentarfilm und Eure Präsenz bei Filmplus?

Dirk Uhlig: Von den Arbeitsbereichen, die wir im Prozess der Filmentstehung durchlaufen haben, ist mir der Schnitt schon der Liebste, weil er der Offenste von allen zu sein scheint und am Ende doch die Dinge binden muss. Hiermit haben wir auch sehr, sehr viel Zeit verbracht. Ich mag diesen Raum, in den wir uns viele Tage zurückziehen konnten, um miteinander zu streiten, zu setzen und wieder zu verwerfen, es noch mal anders zu probieren und wieder zu diskutieren. Das ist ein Prozess ohne Sicherheiten und gerade das macht ihn so spannend. Und mittendrinn möchte man auch alles manchmal hinschmeißen, weil sich scheinbar nichts bewegt. Es ist ein Wagnis, mit Auf und Abs, und es ist verdammt schön zu erleben, wenn genau das gewürdigt wird.

Leopold Grün: Das ist mir in mehrfacher Hinsicht extrem wichtig: Man kennt es nur allzu gut, dass sich beim Dokumentarfilm in der Montage noch einmal sehr viel verändert. Wir hatten einen klaren Plan, sogar ein Drehbuch, aber logischer Weise wollten wir uns auch von dem überraschen und inspirieren lassen, was passiert und dann kommt die Montagezeit und sie war für uns ein sehr langer Prozess, umso schöner diese Würdigung. Im Übrigen fühlten wir uns schon durch die Nominierung „erkannt“, aber klar, diese Auszeichnung, das ist jetzt der Hit...

Euer Film porträtiert ebenso behutsam wie präzise eine Dorfgemeinschaft und besonders der Schnitt lässt dem Zuschauer sehr viel Raum. Der Schnitt fordert ihn aber auch, es müssen viele Puzzlestücke selbst zusammengesetzt werden. Die Jury nennt das eine „eigenständige Balance zwischen Erzählung und Auslassung, die dem Publikum auf Augenhöhe begegnet“. Ist Euch bewusst, welche Autorenhaltung speziell durch die Montage vermittelt wird, arbeitet Ihr gezielt daran?

Leopold Grün: Ja natürlich. Das ist es doch, was die Sache so wunderbar, aber halt auch so schwierig macht. Manchmal neigt man dazu, zu viel zu erklären und dann wieder zum extremen Gegenteil, alles nur der Beobachtung und den Bildern zu überlassen. Ausgeschlossen war allerdings ein Kommentar – nicht, dass es grundsätzlich verwerflich wäre, aber damit muss man sich ganz eigenständig beschäftigen, er müsste genau diese kunstvolle Balance erlangen. In der Regel bin ich von dem, was ich da bei anderen Filmen höre, genervt. Ich habe mitunter das Verlangen, meine Haltung noch offensichtlicher zu verdeutlichen, weiß aber genau, dass es viel wirkungsvoller und vor allem nachhaltiger sein kann, wenn man zurückhaltender agiert. Das Schöne bei einem 90-Minüter ist ja, dass man sich ausbreiten kann und in der Lage ist, auszudifferenzieren, Dialektiken auf sinnliche Art und Weise zu entblättern.

Dirk Uhlig: Bei 40 intensiven Drehtagen kommt reichlich Material zusammen. Da gibt es ne Menge Situationen im Alltag des Dorflebens, die wir eingefangen haben, aber auch in den geführten Gesprächen und Interviewsituationen steckt eine Fülle beeindruckender biografischer Informationen. Andererseits spürten wir ziemlich früh, dass dieser Film einen Rhythmus braucht, der den „Atem“ des Dorfes übersetzt. Wir standen vor der Aufgabe: Wie schafft man eine Konstruktion, wo das eine dem anderen nicht zum Opfer fallen muss – wir wollten keinen Kompromiss. Es gab natürlich die Versuchung, ein „mehr“ an Information zu geben, doch da ermunterten wir uns gegenseitig immer wieder, Mut zur Lücke zu haben, darauf zu vertrauen, dass sich die Beobachtungen in einem offenen Filmgeflecht forterzählen. Manche liebgewonnene Sequenz findet am Ende eben keinen Platz im Film, weil sie für sich genommen zwar stark, aber für den Film überflüssig ist oder dessen Erzählstruktur sprengt. Eines unserer grundlegenden Arbeitsprinzipien im Schnittraum bezog sich immer wieder auf den Wunsch, kleine Details in ihrer Konkretheit so präzise auszuformulieren, dass sie nicht nur für sich stehen, sondern Pars pro toto über das Gesehene hinausweisen und vor dem inneren Auge des Zuschauers forterzählt werden können. Dafür wollten wir einen Raum schaffen.

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Wie habt Ihr Euch Euren Protagonisten im Schnitt genähert?

Leopold Grün: Wir haben es geordnet: Was haben wir von ihr oder ihm in der Beobachtung, zusammen mit anderen und was erzählt uns die Person im Gespräch. Dann haben wir nachgedacht und uns ausgetauscht: Wer ist diese Person in diesem Dorf, welche Rolle spielt er oder sie und wie wollen wir das Ganze gewichten. Das wurde dann auch mal aufgeschrieben und an Wände gehängt. Aber die wirklich schwierige Arbeit ist dann die Gewichtung, wenn man sich der Herausforderung eines Ensemblefilms stellt und plötzlich merkt, dass es „nur“ 90 Minuten sind, die man zur Verfügung hat. Unser Vorteil war, dass wir uns viel Zeit genommen haben. Den größten Druck haben wir uns selbst gemacht. Von Produktionsseite kam immer nur der Hinweis, dass wir weiter machen können, denn auch denen war bewusst, dass das dieser Film braucht.

Dirk Uhlig: In der Konzeption für den Dreh gab es vier Grundaspekte. Die Beobachtung von den alltäglichen Arbeitsprozessen unserer Protagonisten, die Interviewsituationen, in denen wir zum Teil auch sehr ins biografische gegangen sind, die Begegnungen unserer Protagonisten untereinander und natürlich der Ort selbst, dessen spröde Schönheit. Im Schnitt dann ging es eigentlich immer um die Frage, wie man diese Gemeinschaft und ihre Akteure erzählt, die Solidarität untereinander, die etwas Selbstverständliches und oft auch sehr Pragmatisches hat. Der Blick in die Biografien war für uns nur insofern interessant, wie die biografischen Ereignisse das Sein unserer Protagonisten im Jetzt auch entscheidend mitbestimmen. Es war uns wichtig, dass unsere Protagonisten Platz für eine eigene Sprache bekommen, für Ihre Wahrnehmung der Situation. Andererseits haben wir immer wieder geschaut, was sich in den Alltagsbeobachtungen viel besser erzählen lässt als im gesprochenen Wort. Oft reicht auch eine Andeutung und im Zusammenwirken mit anderen Sequenzen, in denen das Thema wieder aufgegriffen wird, entfaltet sich eine besondere Nachdrücklichkeit. Uns kam es eher auf Genauigkeit an, nicht auf Vollständigkeit. Und darauf, nicht zu schönen, aber auch niemanden vorzuführen. Manchmal ist das ein schmaler Grat. Ausschlaggebend für unsere Entscheidungen diesbezüglich war dabei immer der Gedanke an den dramaturgischen und inhaltlichen Bogen, den jeder einzelne unserer Protagonisten im Film durchläuft.

Leopold Grün: Beim Umgang mit den Protagonisten im Film war es wichtig, zu entscheiden, dass wir als Fragende nicht erkennbar oder hörbar sind. Das finden einige nicht so gut, weil es heute üblich ist, sich selbst einzubringen und den Prozess zum Gegenstand des Films zu machen. Ich halte das für eine Stilrichtung; aber bitte nicht als Prinzip, wie man Filme machen sollte, denn häufig wirkt es nur eitel. Unsere Protagonisten sprechen irgendwann zu uns, zum Zuschauer, treten in Erscheinung und haben etwas zu sagen – das war unser Prinzip.

Habt Ihr eine besondere Rollenaufteilung, wenn Ihr zusammen im Schneideraum sitzt, ist etwa einer eher für die dramaturgischen Bögen zuständig, der andere für das Zusammenspiel mit der Tonebene oder ähnliches?

Leopold Grün: Dirk sitzt eher an den Reglern, an der Technik, so wie ich beim Dreh eher der Organisator, Kommunikator bin. Ich komme zunächst über den Inhalt und konfrontiere mich dann mit den eigenen visuellen Ansprüchen, die ich habe und bei Dirk ist es eher umgekehrt. Dramaturgisch arbeiten wir immer wieder beide, aber durchaus unterschiedlich, und so kommt es dann zu Auseinandersetzungen. Aber das wollen wir auch, denn so entsteht etwas Neues. Im Übrigen machen wir uns auch übereinander lustig – Humor spielt eine große Rolle und den wollten wir nicht zuletzt auch im Film erkennen lassen, denn es gibt ihn in diesem Dorf.

Dirk Uhlig: Natürlich bringen wir verschiedene Stärken mit und nicht immer sind wir einer Meinung. Aber das macht es ja gerade so reizvoll. Schnitt ist für mich ein Teamprozess, der Dialog ein zentrales Moment vor allem in der dramaturgischen Arbeit. Nicht selten besteht unsere Arbeit darin, dass wir uns immer wieder Vorschläge unterbreiten und diese dann diskutieren. Konstruktiver Streit gehört da unbedingt dazu. So öffnet sich der Blick auf das Material und die Möglichkeiten, es zu erzählen. Andererseits heißt Montage für mich auch immer wieder, dem sinnlichen Zugang zum Material einen großen Raum zu geben, etwas auch in einem frühen Zustand des Filmes fein auszuformulieren, denn diese Ebene hat eine immense Rückwirkung auf die dramaturgischen Entscheidungsprozesse. Da lassen wir uns Freiräume für individuelle Entwürfe, in denen sich ein eigener Puls entfalten darf und erst später setzt dann auch hier der Dialog wieder ein.

Interview: Kyra Scheurer